Titel Mirio Romano

 

Robert Hauser

Foto Robert Hauser mit Geige

Robert Hauser, früher Lehrer in Kilchberg und Mitgestalter der Vortragsreihe «Melodien und Worte», erzählt uns ein Erlebnis besonderer Art: Unbekannte, musikausübende junge Menschen begegnen ihm mit offenen Armen - eine weihnachtliche Geschichte.

Musik machen - fast wie der «Taugenichts» in Eichendorffs Erzählung

Wenige Tage nach unserer letzten Lesung in «Melodien und Worte» - es war Joseph von Eichendorffs Erzählung «Aus dem Leben eines Taugenichts», in der ein Naturbursche auf seiner Geige spielend und singend durch die Welt zieht - erinnerte mich ein eigenes kleines Erlebnis wieder an diese Lesung:

Oft bin ich mit meinem Geigenkasten unterwegs. Das Musizieren mit Freunden in verschiedenen Formationen begleitet und bereichert mich sozusagen lebenslänglich. So warte ich auch wieder einmal nach besagtem löblichen Tun auf einer Bank am Bürkliplatz in Zürich auf den Bus nach Kilchberg, meinem Zuhause. Im nahen Musikpavillon bewegen sich junge Leute. Durch das Gewirr hindurch erkenne ich eine rhythmisch sich bewegende Hand und schliesslich einen dazu gehörenden Geigenbogen. Aha, da wird Musik gemacht! Neugierig, doch auch etwas gehemmt, da mir diese freie Art des Musizierens fremd ist, nähere ich mich nach einer Weile zögernd mit meinem 'kompromittierenden' Geigenkasten dem Ort des Geschehens. Kaum habe ich den lockeren, offenen Kreis mit einer Geigerin, einem Cellisten und mehreren Gitarristen - alles junge Musikanten - erkannt, wird mir schon heftig gewinkt, mitzutun. «Nein, nein», sage ich halblaut vor mich hin, «das kann ich doch nicht, da passt ein Alter wie ich nicht hinein!» Unsicher setze ich mich auf die Bank am Rand des Pavillons. «Feigling!» drängt eine andere Stimme in mir, «jetzt oder nie!» Nicht sehr überzeugt mache ich mich am Kasten zu schaffen. Sofort ist ein junger Mann zur Stelle, um mir zu helfen. Nun kann ich nicht mehr zurück! Also stelle ich mich etwas unbeholfen mit meiner Geige in den Kreis der Jungen. Mit aufmunterndem Nicken und Lächeln werde ich begrüsst - das Eis ist gebrochen! Eben beginnt der Cellist mit einer neuen Intonation, ist das pentatonisch? Ich versuche erst eine Begleitung zu dieser mir unbekannten Melodie, später mit einer Oberstimme. Nun bin ich auch musikalisch aufgenommen. Während des Spiels muss ich mich einmal nach meinem Kasten auf der Bank, auf der noch andere Leute sassen, umgeschaut haben. Denn plötzlich befindet er sich offen vor mir auf dem Boden. «Ja, wird da Geld gesammelt?» ist mein erster Gedanke. Zuhörer und Zuschauer (was ist da wohl wichtiger?) vermehren sich. Es wird sogar fotografiert!
Mitten im schönsten Musizieren zeigt mir ein Seitenblick, dass mein Bus dasteht. Abrupt muss ich meine kurzes, erfreuliches Erlebnis abbrechen. Wäre das wirklich nötig gewesen? frage ich mich im Nachhinein.
Zum Abschied kommen alle Musizierenden einzeln auf mich zu und drücken mir freundschaftlich die Hand.
Dieses freie, gemeinsame Musikerlebnis mit so lieben jungen Leuten hat mich beflügelt. Beschwingt steige ich in den Bus. Welch beglückende Begegnung - wie ein nachträgliches Geschenk zu meinem 85. Geburtstag vor ein paar Tagen!

Robert Hauser

Brief von Mirio Romano an Robert Hauser

In einem Brief an Robert Hauer erinnert sich Mirio Romano, wie es zu der Veranstaltungsreihe «Melodien und Worte» kam.

Lieber Röbi

Wenn man Dir in unseren Veranstaltungen «Melodien und Worte» zuhört wie Du einen literarischen Text ruhig und zugleich voller Ausdruck vorträgst, wenn man Deinem 'artigen' Violinspiel lauscht (wie es im «Taugenichts» von Eichendorff heisst), dann würde man nie den Abenteurer in Dir vermuten, der Du eben auch bist. Ich denke an die gefährliche Flussfahrt auf dem Amazonas mit eigens dafür gebautem Floss, an die riskanten Höhenwanderungen im In- und Ausland. Ja, Du liebst es, Dich selbst herauszufordern - körperlich und geistig. Dabei bist Du im Gespräch und in Deiner ganzen Haltung zurückhaltend, ja bescheiden, und wehrst Dich dagegen, im Mittelpunkt des Geschehens zu sein.
Als Lehrer hast Du Deinen Schülern im Laufe der Zeit viele Fragen stellen müssen. Nun ist es umgekehrt: Wenn man Dich etwas fragt - praktischer oder theoretischer Art - so kannst Du über die verschiedenen Wissensgebiete klar und sachlich Auskunft geben. Das alles und mehr gehört zu Dir, und das ist es wohl, was Dich bei Deinen Freunden so beliebt macht.

Nach meiner frei gewählten «Pensionierung» mit 76 Jahren hatte ich das Bedürfnis, eine Tätigkeit aufzunehmen, von der ich heimlich schon immer geträumt hatte. Mein Wunsch war, älteren Menschen in meiner Wohngemeinde vorerst mit Gedichten und meinem einfachen Klavierspiel Freude zu bereiten. So zog ich eines Tages mit dem Gesangbuch unter dem Arm ins Emilienheim für ältere Blinde und Sehbehinderte in Kilchberg und hatte so meinen ersten Auftritt zum Thema «Bunt sind schon die Wälder». Das war im Jahr 2007.
Schon bald kamst Du dazu mit Deinem Geigenspiel, und wir entdeckten, als wir auch im Alterszentrum Hochweid auftraten, dass Du sowohl Gedichte als auch Prosatexte klar und verständlich vorlesen kannst. Die ausgewählten, vornehmlich literarischen Texte, gewannen mit der Zeit immer mehr an Gewicht und Länge - zu aller Freude, darf man schon sagen. So wurde unsere Vortragsreihe «Melodien und Worte»zu dem, was sie heute ist: Kleine musikalisch-literarische Reisen ins Land der Erinnerungen.