Titel Mirio Romano

 

Mirio Romano

Portrait Mirio Romano

 

Schon als Kind prägten Bücher das Erleben von Mirio Romano. Eifrig las er Bücher, besuchte die Bibliothek und begegnete in den Texten zahlreichen Heldinnen und Helden, mit denen er in der Phantasie auch Spiel und Alltag teilte.

In einem Gespräch anlässlich der Ausstellung in der ZB Zürich, erzählt er aus seinem Leben. (In italienischer Sprache)
RSI stellte es freundlicherweise zur Verfügung

Zürich

In der Buchhandlung Dr. Oprecht an der Rämistrasse in Zürich entdeckte der Buchhändlerlehrling eine ganz anders geartete Welt, wie er beschreibt:
«Ich staunte über die weite Welt, die mir in diesem doch engen Raum entgegenkam: es waren Schüler und Schülerinnen der nahen Kantonsschulen; bekannte Persönlichkeiten traten auf, wie Paul Burkhard, der Musiker, ferner Schauspieler vom nahen Schauspielhaus, das noch immer im kulturellen Rampenlicht der Stadt Zürich stand. Es waren deutsche Emigranten, die schon vor und während des Weltkrieges die Pfauenbühne durch ihre Stückwahl und legendären Aufführungen geprägt und ihr einen Ruf weit über die Landesgrenzen hinaus verschafft hatten. Schriftsteller betraten die Buchhandlung; es kamen die verschiedensten 'Büchernarren'; es wurde diskutiert. Ich kann mich noch gut an Martin Buber, Ignazio Silone, Thomas Mann - er war ein Freund des Chefs - erinnern....»

Doch nicht nur diese Menschen faszinierten ihn, das Ästhetische sprach den jungen Mann ebenfalls an: «Beim Ordnen der Kunstbücher schaute ich die Abbildungen genau an und merkte mir die Namen der Künstler. Neben den kaufmännischen Fächern wurden in der zweimal wöchentlich besuchten Schule des Kaufmännischen Vereins die Fachgebiete Literatur, Sortiments- und Verlagskunde behandelt. Zudem belegte ich an der Volkshochschule verschiedene Kurse über Literatur, Kunst, Musik...»

Mailand

Wilhelm Meister mit der Kutsche unterwegs

Er schrieb einen Brief an den in Mailand tätigen ausgewanderten Thurgauer Verleger Ulrico Hoepli und bewarb sich um eine nicht ausgeschriebene Stelle. «Es kam zu einer Unterredung in Zürich, und ich wurde angestellt. Das war im Jahr 1954, und es war der Anfang meiner Wanderjahre.» Die Buchhandlung Hoepli befand sich im Zentrum von Mailand. Der junge Schweizer war in der Exportabteilung tätig, er bearbeitete Lieferungen von italienischen Publikationen an Buchhandlungen und Bibliotheken in aller Welt. In Mailand entdeckte er die italienische Sprache und Literatur, besuchte Museen und Kirchen, erlebte denkwürdige Opernaufführungen in der Scala. Nach drei reichen und schönen Jahren zog Mirio Romano weiter.

Oxford

In Oxford erhielt Mirio Romano auf seine Anfrage eine Anstellung bei Blackwell, einer der renommiertesten englischen Buchhandlungen, und zwar als Fachmann für Italienisch. «Ich erhielt den Auftrag, einen repräsentativen Katalog zum Thema 'Italian - Language and Literature' zusammenzustellen. Als einziger Experte auf diesem Gebiet hatte ich freie Hand, die für Bibliotheken in aller Welt bestimmte Bibliographie so zu gestalten, wie ich es persönlich gut und nützlich fand...»
Selbstredend setzte er sich auch intensiv mit der englischen Sprache und Literatur auseinander, ebenso mit der englischen Kultur und Musik. Letzteres nicht nur als Zuhörer, Mirio Romano gründete mit einem Kollegen einen kleinen deutschsprachigen Chor, der an einem feierlichen deutsch-englischen Friedensgottesdienst in Coventry zur Einweihung der sich noch im Bau befindlichen neuen Kathedrale mitwirkte.

Bern

Wilhelm Meister bereitet eine Theateraufführung vor

 

Zurück in der Schweiz betreute Mirio Romano im Lektoratsbüro des Francke Verlags in Bern das Informationsblatt für Romanisten «Romanica Nova» und betreute die Übersetzungsrechte. Mit Max Schlecker, dem Lektor des Verlags, und anderen Singbegeisterten gründete er einen Chor.

Florenz

In Florenz begegnete er auf Schritt und Tritt der Kunst. Bildergalerien, Museen, Bauwerke - es gab unendlich viel zu bestaunen. In einer Unterabteilung des Verlags 'La Nuova Italia' betreute er vor allem ausländische Buchhandlungen und Bibliotheken. Daneben arbeitete er an einer Bibliographie philosophischer Werke. Einer der Direktoren des Hauses bat Mirio Romano, mit ihm nach Montreal zu kommen und beim Aufbau einer neuen Firma mitzuarbeiten.

Montreal

Der Aufenthalt in Montreal war kurz, denn schon nach drei Monaten erkrankte sein Vater schwer. Zur Führung der privaten Sprachschule in Zürich war die Unterstützung nötig und so reiste Mirio Romano zurück in seine Heimatstadt. Die Mutter unterrichtete Französisch, der Vater Italienisch, daneben wirkten andere Lehrer für weitere Sprachen.

Zürich

Nach rund zehn Wanderjahren führte das Schicksal Mirio Romano also wieder in seine Vaterstadt Zürich, allerdings mit einer neuen Aufgabe. Nicht mehr die Buchhandlung, sondern die Vermittlung von Sprache wurde zum Zentrum seiner Tätigkeit. "Die Sprache - der Weg zum Gespräch, zum Verständnis», so formulierte er sein Anliegen. Und weiter. «In der Sprache drückt sich die Lebensweise und Mentalität eines Volkes aus.... Unsere Sprachschule setzte sich zum Ziel, durch anregende Kurse die lebendige, im Alltag gesprochene Sprache zu vermitteln.» Welch innovativer Ansatz, wenn man bedenkt, wie zu Beginn der sechziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts landauf, landab Sprachen gelehrt wurden! Innovativ auch eine weitere Idee: «Ich wandte mich an verschiedene grössere Geschäftshäuser der Stadt und bot ihnen firmeninterne Italienischkurse an, mit dem Slogan Italienisch im Verkauf / Italienisch im Umgang mit Mitarbeitern.» Die Idee war erfolgreich; es meldeten sich verschiedene Geschäfte und die Sprachschule Romano konnte auch Abendkurse anbieten. Der initiative Buchhändler und Sprachlehrer schreibt: «Schon nach wenigen Monaten gründete ich meine Buchhandlung und liess sie unter dem Namen Bibliographica Mirio Romano ins Handelsregister eintragen. Ich wollte vorerst einfach unsere Schule mit Lehrmitteln beliefern.»

Kilchberg

Wilhelm Meister tritt auf

Seinen längsten Lebensabschnitt verbrachte Mirio Romano in Kilchberg. Nach rund zwei Jahren hatte sich sein Vater Carlo Romano soweit erholt, dass er die Leitung der Schule wieder übernehmen konnte. Sein Sohn wollte sich wieder seinem eigentlichen Beruf zuwenden, diesmal als selbständiger Buchhändler.
Er zog als Jungvermählter nach Kilchberg, arbeitete zur Hälfte in einem Thalwiler Verlag und zur Hälfte in seiner eigenen Buchhandlung. «Mit grossem Engagement war Margareth Romano in Buchhandlung und Familie tätig. Ohne ihre wertvolle Mitarbeit wäre der Aufbau der jungen Bibliographica kaum möglich gewesen. Herzlichen Dank!»
Weiter erzählt Mirio Romano: «Schon bald nahm ich Kontakt auf mit Peter Marxer, dem jungen und rührigen Germanisten, der gerade um diese Zeit zum neuen Präsidenten des Lesevereins Kilchberg gewählt worden war. In gemeinsamer Arbeit mit dem Leseverein Kilchberg, einigen Helfern aus der Gemeinde und der Bibliographica wurde im C.-F.-Meyer-Haus eine Buchausstellung geplant und mit ziemlichem Aufwand auch durchgeführt. Am praktischen Beispiel und auf anschauliche Art sollte gezeigt werden, was unter einer sogenannten Freihandbibliothek zu verstehen war. Das war der Anfang einer fruchtbaren Zusammenarbeit mit dem Leseverein, die jahrelang andauern sollte.» Die ersten bibliographischen Informationsblätter waren für Bibliotheken bestimmt; sie befassten sich mit wissenschaftlichen Publikationen. «Italienisch im Unterricht» hiess das neue, zukunftsorientierte Thema der Bibliographica. Wichtige Kontakte mit Verlagen in Italien und mit Romanisten in der Schweiz ermöglichten es Mirio Romano, nicht einfach nur eine Buchhandlung zu führen, sondern einen Ort zu schaffen, wohin Italienischlehrer gerne reisten, weil sie praktische und innovative Werke und Handreichungen finden konnten.

In Kilchberg entschloss sich der Literaturbegeisterte, selber Bücher zu veröffentlichen. Im Laufe der Jahre entstand eine Reihe von vierzehn Publikationen unter dem Titel «Kilchberger Drucke». Die bibliophil gestalteten Bände erschienen in kleiner Auflage; sie brachten dem Verleger verschiedene Preise und Ehrungen ein.

Die Zitate stammen aus: «Vom geschriebenen Wort zur gesprochenen Sprache, Unterwegs mit Mirio Romano», Kilchberg, 2007. Die obigen Ausführungen basieren auf ebendieser Schrift.

Mirio Romano in seinen eigenen Worten

Lassen wir ihn mit den folgenden Zitaten aus seiner Publikation «Die Kilchberger Drucke als Spiegel einer inneren Biografie» selbst zu Worte kommen:

«Alles Wesentliche, das unser Leben, unsere Persönlichkeit prägt und bestimmt, hat seine Wurzeln in der Kindheit und Jugendzeit. Für mich stand Johanna Spyri mit ihrem Heidi am Anfang meiner Leseerfahrung...»

 

Wilhelm Meister inmitten von Büchern

«Mit steigendem Interesse vertiefte sich der Jüngling in die Bildungsromane Der Grüne Heinrich von Gottfried Keller und Wilhelm Meisters Lehrjahre von Goethe. In Kellers Roman macht sich ein junger Mann auf den Weg, der ihn - den Suchenden - zu sich selber führt: er findet seine Identität, wenn auch nach vielen und mühsamen Umwegen! Auch Wilhelm Meister befindet sich unterwegs zum eigenen Ich. Es sind diese Bücher, die mir auf der Suche nach dem eigenen Weg geholfen haben, auch später beim Wiederlesen - wenn auch anders - und es sind vorerst diese Namen, die in einigen Publikationen der Kilchberger Drucke, die ich später herausgab, in Erscheinung treten.
Wenn ich zurückblicke und überlege, wie ich dazu kam, im Alleingang und im eigenen Auftrag Bücher vornehmlich zur deutschsprachigen Literatur zu publizieren, dann stelle ich fest, dass ich mich gewissen Autoren gegenüber, die mich auf meinem früheren Lebensweg begleitet und beeinflusst haben, verpflichtet fühlte, und auf persönliche Art meinen Dank zum Ausdruck bringen wollte.»

«Als erste Veröffentlichung der neu geschaffenen Reihe der Kilchberger Drucke erschienen 1969 vier Essays von Karl Alfons Meyer. Es sind Betrachtungen zu den Jahreszeiten, verknüpft mit Zitaten aus der Weltliteratur. Mit sehenden Augen des Naturforschers folgt der Autor den Erscheinungen des wechselnden Jahres und verbindet seine Beobachtungen mit historischen, literarischen, künstlerischen und menschlichen Erkenntnissen. Das schmale Buch erschien in einer Auflage von 1050 Exemplaren und war kurz nach Erscheinen vergriffen. Es trägt den Titel «Atmende Erde».

«Nach dieser Publikation wurde mir bewusst, dass ich nicht nur gute Texte, sondern auch schön gestaltete Bücher herausgeben wollte. Vorbilder, die mir vor Augen standen, waren die Insel Bücherei und die bibliophile Reihe der Vereinigung Oltner Bücherfreunde.»

«Es war für mich naheliegend und beinahe selbstverständlich, dass ich persönlichen Kontakt suchte mit dem bekannten Typographen Max Caflisch, dessen Name mir seit Jahren vertraut war. Die von ihm gestalteten Publikationen zeichnen sich aus durch vorbildliche, in sich ruhende und stimmige Typographie, die sich dienend nach dem Inhalt eines Textes richtet, und wenn zum gedruckten Text noch Illustrationen kommen, dann fügen sich diese in die angestrebte Harmonie...»

«Noch vor einigen Jahren lautete mein Credo in Bezug auf die Kilchberger Drucke: Der Kleinverleger weiss wohl, dass es immer schwieriger sein wird, Bücher herauszugeben, deren Publikation bestimmte Kriterien zu erfüllen haben: guter Text, bibliophile Gestaltung, beschränkte Auflage, erschwinglicher Preis. Er wird es so lange tun, als er an einen inneren Auftrag glaubt und es ihm zudem Freude macht, einem unbekannten Text, der ihn auf besondere Weise anspricht, Form und Gestalt zu geben. Ein so anspruchsvolles Programm liess sich nur durch finanzielle Unterstützung verwirklichen. Es ist mir ein Anliegen, an dieser Stelle den Behörden und Institutionen zu danken, welche durch Beiträge die Herausgabe der einzelnen Werke ermöglicht haben:

  • Präsidialabteilung der Stadt Zürich
  • Regierungsrat des Kantons Zürich
  • Gemeinden Kilchberg und Glattfelden
  • Mittwoch-Gesellschaft Meilen
  • Pro Helvetia, Zürich
  • Steo-Stiftung, Zürich
  • Zürcher Kantonalbank, Zürich».

Würdigung und Abschluss

1982 erhielt Mirio Romano eine Ehrengabe des Kantons Zürich. Die am 26. November vom Direktor des Erziehungswesens, Regierungsrat Alfred Gilgen, ausgestellte Urkunde lautet: «Mirio Romano als Dank für seine Doppelfunktion als Buchhändler und Verleger: für seine vorbildlichen Kataloge zur italienischen Sprache und Literatur und seine Kilchberger Drucke, die am Rande des Zürcher Kulturlebens Kostbarkeiten entdecken".

 

Wilhelm Meister im Schloss an einem Fest

Gerne und dankbar erinnert sich Mirio Romano an seine Mitarbeiterinnen, die ihn auf seinem Werdegang tatkräftig begleitet haben. Ein besonderer Dank geht an Frau Marlis Schlumpf, die während vielen Jahren darauf achtete, dass das Schifflein der Bibliographica auf Kurs blieb, bis es, 2006, mit wenig Gepäck an Bord, in einen stillen Hafen einlief.

Nach Abschluss seiner Berufstätigkeit übergab Mirio Romano sein Archiv mit der gesamten Verlagsproduktion in einer Schenkung der Zentralbibliothek Zürich. Dort steht sie Interessierten für Forschungsarbeiten zur Verfügung.